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Konfirmandenunterricht

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Konfirmandenunterricht in Gronau - "Gemeinsam sind wir stark"

 
Nachstehend veröffentlichen wir zwei  Leserzuschriften an die Nidderzeitung aus dem Jahr 1972. Diese hat uns Barbara Broscheit zur Verfügung gestellt. 

Offenbar gab es damals eine öffentliche Diskussion über den Stil und die Methoden des Konfirmandenunterrichtes,  wobei anscheinend ein negativer Artikel über "alte, verbabbte Pfarrer" den Anstoß zu den Leserbriefen gab. Offensichtlich waren  Pfarrer im allgemeinen gemeint, die als unmordern, d.h. nicht jung und dynamisch galten und deren Konfirmandenunterricht, Predigten und Amtsführung als nicht mehr zeitgemäß hingestellt wurden. 
Barbara Broscheit schreib dazu: "Da fühlte sich mein Vater auch betroffen, der für seine sozial- und geschichtskritischen "donnernden", aber zuletzt versöhnenden Predigten (Gott ist 
gnädig) bekannt war und schrieb, wie von der Redaktion gewünscht, seine (ironische) Meinung." 
 
 
 
Horst Broscheit
15.1.1972

An die Nidderzeitung

Zu "Konfirmandenunterricht – modern oder „verbabbt"? -
wünschen Sie Meinungen auch von Pfarrern zu veröffentlichen.
 
Für die auf Wunsch ihrer Eltern und Paten von mir in Gronau getauften und, wie ich lese, nachdenkenden Konfirmanden, erlaube ich mir darauf hinzuweisen, dass man auch in anderer als schwarzer Kleidung scheinheilig und im Talar eitel sein kann.
 
Zu Methode und Inhalt des neuartigen Konfirmandenunterrrichts ein Wort von Karl
Kraus: „Und muss man schon unter dem, was es gibt, leben, so lasse sich keiner
einfallen, das einzige zu verunehren, das man besitzt, was es nicht mehr gibt."
 
Ich habe u.a. gerade mit den Kenntnissen meines ausgezeichneten
Konfirmandenunterrichtes viel später beide theologischen Examen bestanden. So
sinnlos konnte er also nicht gewesen sein, und ich wußte auch vor meinem Studium
etwas vom sog. „Leben", denn ich war gelernter Hafenspediteur. 
 
Der Versuch, einen Menschen jung oder alt zu einer Überzeugung zu zwingen, ist nicht nur ein Widerspruch in sich, sondern verwerflich. Für solche Idioten soll man uns alte Pfarrer nicht halten, als hätten wir derartiges Zeug in unserer Amtsführung angestellt. Wir haben im Blick auf den Herrn der Kirche Jung und Alt gelehrt: „Gott war in Christo und versöhnte die Welt mit sich selbst ...." -
Und wir haben Junge und Alte in den Gemeinden gebeten: „so bitten wir nun an
Christi statt: Laßt Euch versöhnen mit Gott!" (2. Kor. 5. 19 + 20)
Das Merkwürdigste an der ganzen Angelegenheit scheint mir zu sein, dass man von
Erfahrungen mit Dingen berichtet, die man gar nicht kennengelernt haben kann.
 
So geschehen im ehemaligen Ostpreußen und hier in Kilianstädten, Niederdorfelden
und Gronau. Vielleicht findet sich die Stimme eines meiner Konfirmanden, um dem Blödsinn in der Nidderzeitung entgegenzutreten.
gez.
Horst Broscheit
Pfarrer i.R.




Gronauer Pfarrer und Konfirmanden im Jahr 1955, von links: Heinz Kroh, Heide Debus, Werner Nies, Ingrid Böckel, Gerd Kunz, Ursula Diehl, Brigitte Weisenstein, Ferdinand Schwarz, Pfarrer Horst Broscheit, Christa Broscheit, Adolf Görgens, Renate Trabert, Gisela Schibilski, Horst Wittich, Petra Hamann, Walter Arnold 
 

Nachstehend ein Leserbrief von Margrit Glaser an die Nidder-Zeitung (20.1.1972)
 
 
Sehr geehrte Herren!
In Ihrer Ausgabe vom 6.1.1972 baten Sie zu dem Thema
„Konfirmandenunterricht –modern oder „verbabbt?"
um Meinungen von Konfirmanden und Eltern. Hier nun haben Sie eine solche:
 

„Bildnis eines alten Pfarrers" von M. Glaser, geb. Diehl

Es amtierte einmal ein Pfarrer in Gronau 23 Jahre lang und in Niederdorfelden 17
Jahre lang als Vorgänger der Herren Pfarrer Aulepp und Geigenmüller. Er hieß Horst
Broscheit, hatte 5 fromme Kinder, eine Frau und verstand nichts vom Leben.
 
Er war so scheinheilig, dass er seine beängstigende Amtsmiene – sein zweites Gesicht – nie zeigte, sondern bei einem Gang durchs Dorf mit Zigarrenqualm verhüllte. Hielt er einen Schwatz mit jedem, der es wünschte oder machte er Witze, so geschah dies nur aus Schauspielerei. Um aller Tradition zu spotten, trug er keinen grauen Pullover sondern eine alte, braune Wildlederjacke nebst braunen Sandalen, im Winter ging er wie ein Russe – langer Pelzmantel, Pelzmütze und Stiefel bis ans Knie. Politisch war das allerdings nicht gemeint.
 
Sein Konfirmandenunterricht war autoritär, dogmatisch und traditionell: wir konnten
nämlich nicht machen was wir wollten, sangen keine Negerlieder und durften auch
kein Schlagzeug rühren oder auseinandernehmen. Unser Knutschen bezeichnete er
als eine Sache, die ihn nichts anging. Allerdings lernten wir nie stur auswendig, denn
weder waren wir noch er stur. Was wir wirklich wissen mußten, um uns nicht zu
blamieren war das 11. Gebot: Laß Dich nicht erwischen.
 
Gebetet hat er auch nicht mit uns, aber daß für ihn das Beten nichts „Heiliges, kein
Raum der Stille des Menschen" war konnte ich erfahren, als ich ihn dabei öffentlich
während Amtshandlungen erwischte.
 
Wie verbabbt der alte Pfarrer war, zeigt sich deutlich darin, dass er uns in der Lehre
Jesu – deretwegen wir Konfirmanden waren, anhand von religiösen Gemälden drillte.
Unterschwellig wollte er uns bestimmt damit zwingen, überzeugte Christen zu
werden. Impulse hat er uns jedenfalls damit gegeben: ich habe nicht nur die Leidens- bzw. Versöhnungsgeschichte Jesu, sondern eine Menge Maler kennengelernt.
 
Bastelarbeiten konnten wir im Konfirmandenunterricht nie machen und die Spiele,
d.h. Theaterspiele und öffentlichen Vorführungen unter der Regie seiner Frau leiteten vielleicht keine Lernvorgänge ein, erbrachten aber Geld, um die dringendsten Reparaturen in der alten Gronauer Kirche ausführen zu lassen.
Welch ein Unterdrücker der alte Pfarrer war, kann man daran sehen, dass er den öfter fehlenden Konfirmanden, den ganz Lustlosen (für die er Verständnis zu haben
vorgab), das Datum der sogenannten Prüfung oder Vorstellung (bei der in der ganzen Kirche Dank des amtsstrengen Pfarrers mehr gelacht wurde als gezittert) bekanntgab, damit sie aus freiem Willen den Anstand wahren konnten.
 
Dieser Pfarrer war sogar derart berbabbbt, dass er sich mit niemanden verkracht hat,
ja sogar mit den Ältesten ist er immer bestens ausgekommen. Nur so zum Schein
zeigte er der Gemeinde sein Interesse für ihre Anliegen und Nöte, indem er sich unter sie begab – auf der Straße, auf dem Feld, in den Ställen, am Kranken- oder
Sterbebett, in der Kirche, bei den Festen, manchmal im Kolleg beim Wirt.
 
Er wurde alt mit den Gronauern, blieb bis zur entgültigen Pensionierung bei ihnen
und verstand nichts vom Leben.
Und wenn er nicht gestorben ist, dann lebt er heute noch.
Margrit Glaser (seine ehem. Konfirmandin)