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Die Kirche in Gronau

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 Die evangelische Kirche in Gronau
mit ihren künstlerischen Glaubenszeugen

von Walter Heil

Dieser Beitrag erschien in der Festschrift 1200 Jahre Gronau der "Bad Vilbeler Heimatblätter" 1986.
Herr Walter Heil hat ihn freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

 Vor der Heimatkirche

Und wieder stehe ich vor dir,
du Haus des Friedens, Haus des Herrn,
beglückt zutiefst, daß ich allhier
dem lauten Tageslärm bin fern.

Empor in eine reinre Welt
woll'n schon des Aufgangs Stufen führen;
der Menschen Jagd nach Gut und Geld
darf an das Heilige nicht rühren.

Der Turm weist uns tagein, tagaus
empor zu Gott, dem Herrn der Welt,
in dessen lichtem Vaterhaus
der Erde Schwere von uns fällt.

Ihr Glocken seid der Freude Boten,
könnt aber auch voll Wehmut klagen,
wenn wir so manchen lieben Toten
zur letzten Ruhestätte tragen.

Ihr sturmerprobten, alten Bäume,
die bei dem Gotteshause steh'n,
träumt weiter eure stillen Träume
vom ew'gen Werden und Vergehn.

0 gehet oft hier ein und aus,
ihr Menschenkinder groß und klein!
Mög' jeder Gang zum Gotteshaus
ein wahrer Segen für euch sein!

1952
von  Schulrat Heinrich Walter aus Rendel
 

Das Dorf braucht seine Kirche

Nach Schließung und Verlust der Gronauer Schule 1964, die über 450 Jahre mit ihrem eige-nen Lehrer ein kultureller Mittelpunkt war, und Auflösung der Bürgermeisterei 1971 durch den Anschluß an die Stadt Bad Vilbel, blieb den Gronauer Bürgern jetzt nur noch ihre Dorfkirche. Die Anwesenheit eines Pfarrers, das Bestehen von Kirchenvorständen,  kirchlichen Mitarbeiterschaften und Helfergruppen ist für das Dorf der Gegenwart und Zukunft eine Chance für den Glauben, die Gemeinschaft und die dörfliche Kultur.

 Die evangelische Kirche in Gronau,
Anfang des 20. Jahrhunderts (Zeichnung Historisches Museum Hanau)

Gronau hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert, nachdem es jahrhundertelang seine Gestalt und sein dörfliches Aussehen bewahrt hatte. Das Dorf wurdewieder entdeckt, erhielt eine neue Anziehungskraft und erfreut sich zunehmender Beliebtheit als Wohnstandort. Schien es vor einiger Zeit wegen verschiedener Nachteile noch vom Untergang bedroht, so ist es jetzt neben der Stadt als gleichrangiger Le-bensraum für die Zukunft gesichert. Den Nach-teilen stehen als Vorteile die größere Nähe zur Natur, wie hier die Aue, die engeren menschlichen Beziehungen in Nachbarschaft, Kirche und Vereinen sowie die Möglichkeit, günstiger zu einem eigenen Heim zu kommen, gegenüber. Die Lebensqualität des Dorfes hängt davon ab, wie es uns gelingt, Tradition und Moderne zu verbinden, Überlieferungen zu bewahren und für Neues offen zu sein.

Die alte Chronik der evangelischen Pfarrei Gronau - Classe, Bergen - Diözese Hanau -bringt unter „IND" (in nomine deo - im Namen Gottes) folgende Ortsbeschreibung: „Grunau liegt 2 1/2 Stunden NW von Hanau, 1 Std. NNO vom Amtsorte Bergen, auf der nördlichen Abda-chung des sogenannten Bornheimer Berges, SW nach NO streuend an der Nidder, etwas oberhalb der Stelle, wo sie in die Nidda fließt. In Gronau eingepfarrt sind der Gronauer Hof, früher Klein-Gronau genannt (8 bis 10 Min. entfernt, eine Staatsdomäne), der Dottenfelder Hof, im Volksmund der Pfaffenhof genannt, eine Besitzung des Landgrafen von Hessen (25 Min. entfernt) und zum Schluß die Riedmühle (5 Min. entfernt)".
Im ältesten Kirchenbuch aus dem Jahre 1664 und auch später wird das Dorf an der „grünen Aue" stets mit Grunau bezeichnet. Mit Recht, so die Eintragung, würde der Ort im schönen fruchtbaren Tal diesen Namen verdienen.

Im Ortskern, umgeben von einem alten, ehrwürdigen Friedhof, erhebt sich in Ost-West-Richtung die evangelische Kirche. Mit dem barocken Dachreiter ist sie so zum beherrschen-den Wahrzeichen des Dorfes geworden und prägt die gesamte Silhouette. Sie hatte als Vor-läuferin eine Kapelle, die 1571 erbaut worden war, bis an ihrer Stelle 1718/19 die heutige Kirche errichtet wurde. Der Ostteil - der Chor - wird durch Überlieferung von den älteren Leuten noch heute „es Kapellche" genannt.
Die alte Chronik erwähnt zum Neubau folgendes: „Die Kirche zu Gronau, zu welcher am 10. Mai 1718 der Grundstein gelegt wurde, ist am 11. Sonntag nach Trinitatis 1719 durch Ihrer Hochwürden, Herrn Superintendent Meuschen aus Hanau, eingeweiht worden".
Weiter berichtet die Chronik: „Die Kirche ist ein massivsteinernes Gebäude mit auf der Westseite stehendem hölzernem Turm (Dachreiter), der, mit Schiefer bedeckt, eine schöne Kuppel mit schmiedeeisernem Kreuz hat. Die Kirche ist aus eigenen Mitteln der Gemeinde erbaut und hat 1821 sowie 1853 durchgreifende Reparaturen erfahren".
Was baufällig geworden war, wurde nicht in der alten Form, sondern im jeweiligen Zeitstil ergänzt. So mußte sich die Kirche allerlei Veränderungen gefallen lassen. 1868 wurden größere Fenster im neugotischen Stil eingebaut. Die oberen Spitzbogen sind mit einem Maßwerk versehen, das mit buntem Glas verbleit ist, während alle anderen Flächen aus durchsichtigem Glas den barocken Kirchenraum mit hellem Licht durchfluten lassen.
Der Dachreiter trägt die beiden Kirchenglocken. Die kleine, alte Glocke hat die Aufschrift: + in windecken gos mich 1752 + Johann Peter Bach + in gotesnahmen flos ich +. Ein wichtiges, feierliches Ereignis für die Gemeinde war Anfang November 1952 die Ankunft und das Hängen der neuen Glocke, denn die frühere zweite Glocke war im Kriegsjahr 1941 zum Einschmelzen (für Kanonen) geholt worden. Die neue Glocke erhielt am 28.10.1952 bei ihrem Guß folgende Inschrift:

„in spem - contra spem (auf Hoffnung -
gegen alle Hoffnung)
Jesus Xristus Rex

Die Kirchengemeinde Gronau 1952" Bei einem Festgottesdienst am 3.11.1952 läuteten zum ersten Male die neue und die genau 200 Jahre ältere Glocke gemeinsam.
Heute können wir ruhig sagen, daß alle baulichen Veränderungen, einschließlich der gotisie-renden Fenster, sich gut in das Barockgebäude eingefügt haben und eine geschlossene Einheit bilden. Die Proportionen des hohen Kirchenschiffes verlangten auch einen größeren gestreckten Turmhelm und Dachreiter. Dieser ist gekrönt von einem schmiedeeisernen Kreuz. Es ist reich verziert mitVerschnörkelungen, Geranke und Laub darstellend, vier Schwänen und dem thronenden Wetterhahn. Der Kunstschmied hat hier in einer barocken Vielfalt dem Eisen die höchste Formgebung in einer leichten, luftigen Art verliehen. Eine solch reiche Ausführung ist in unserer Heimat selten auf Kirchtürmen zu finden.

  Schmiedeeisernes Kreuz
aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts auf dem Dach der
Evangelischen Kirche im Stadtteil Gronau.


Das Gotteshaus steht, von einer Mauer begrenzt, inmitten des alten „Todtenhofes". Ein ehrwürdiges „Memento mori" - in der Sprache früherer Jahrhunderte - wird hier lebendig.
Außen, an der Nordwand der Kirche, stehen vier einsame Grabplatten. Ursprünglich gehör-ten sie zu Gräbern auf dem ehemaligen Kirchhof, der bis 1846 um das Gotteshaus herum lag. Irgend jemand hat damals Sorge getragen und sie bei der Räumung zur Seite gestellt und so späteren Geschlechtern als Erinnerung bewahrt. Sind auch die Gebeine zerfallen, die stei-nernen Bildplatten überdauerten die Zeit. Wer wollte da schon achtlos an ihnen vorüberschreiten? Die Steine sprechen über die Jahre hinweg. Man braucht nur ein wenig Ruhe, um ihre Stimmen zu hören. Sind diese vier steinernen Erinnerungsstücke von zwei ehemaligen Pfarrern, einem Zentgrafen und der Tochter des Schultheißen auch nur von lokaler Bedeutung, so lohnt es sich doch, die Familiengeschichten aus den in hellgrauem und rotem Sandstein gemeißelten Bildwerken herauszulesen. Inschriften, Verzierungen und Bildreliefs sind teilweise kunstvoll von den Steinmetzen gearbeitet worden. Die Jahrhunderte haben natürlich ihre Spuren hinterlassen. Leider sind zwei der vier Steine stark verwittert, bei einem die Schrift praktisch nicht mehr zu erkennen. Der größte und am reichsten gestaltete Grabstein erweckt sogleich unser Interesse.

Text des Grabsteines
Denkmal der Grabhaur
Eines neuen Lehrers und ehegatten war Ernst Christian Müller gewesen in Sehlsorgender Gemeindearbeit zu Gronau .
er war daselbst am 21 te Oktober 1732 gebohrn
Bekam 1756 das PfarrVICARIAT und 1763 das Pfarramt Christengemeind • welches er mit einerTreue bis an sein Ende führte heurathet 1787 Jungfer Henrietten Wilhelminen, gebohrne Rübsamen zu Münzenberg mit welcher er eine zufriedene Ehe Führte starb den 14ten Febrorari 1795 in dem ruhmvollen Alter von 62 Jahren 4 Monaten Getreuen Tod beklaget die Trauernde Wittwe welche ihm dieses Liebes Monument hat errichten laßen

Der obere Teil zeigt ein religiöses Bildrelief. Die beiden schwebenden Engel halten mit der einen Hand das flammende Herz und mit der anderen die über allem schwebende Krone. Eine Darstellung, die die Liebe und Treue des Toten verkörpern und dessen Seele zum ersehnten Himmelreich führen soll.
Die Schrift des zweiten Grabsteines ist leider nicht mehr zu entziffern, aus früheren Aufzeich-nungen geht aber hervor, daß es sich um den Gedenkstein von Johannes Mickelius
XXXIV Jahre- 1680- 1714 PFARRER ZU GRONAU
handelt. Der obere Teil des Steines über dem Medaillon ist sehr reichhaltig und mit symboli-schen Zeichen ausgearbeitet. Auf einer abgelaufenen Sanduhr ist die Weltkugel mit dem Kreuz dargestellt, beides wird von einer Krone überdacht. Links und rechts davon schweben Engel, ein Schnörkel- und Rankenwerk haltend.
Die dritte Steinplatte gehörte zu dem Grab von
Sebastian Schwind, Zentgraf geb. 1713, gest. 1783 verh. mit Susanne Laupus
Aus der verwitterten Schrift kann man leider nur noch folgendes herauslesen:
„Laudatum
habe stets gerichtet, ich habe einen gu-ten Hauch Gerechtigkeit, habe den Lauf vollendet, ich habe Menschen geholfen."
Auch hier hat der Steinmetz schmückende Formen zur Ehre des Toten verwendet. Ein Engelköpfchen wird von Flügeln getragen, alles wird eingerahmt von Blumen.
Schließlich erwartet uns noch der vierte und letzte Grabstein. Nur ein Text kündet hier von dem Tod eines 22jährigen Mädchens, der Toch-ter des Schultheißen.

HIER
RUHET IN GOTT-JUNGFRAU ANNA MÄR GARETA- HERSCHAFT LICH • SCHULTHEIS CHRISTOPH • LOREI EHELEIBLICHETOCH TER -VON STEINBACH • WAHR EHLICH -VER SPROCHEN MITCASPER LAUBUS- STARB DEN 4. TAG NOVEMBER-1749CASIMIR -ALT 22 JÄH R 6 MONAT
 
Die Stille des Gottesackers mahnt zur Besinnung. Auch diese Grabdenkmäler verraten die uralte menschliche Bemühung, die Erinnerung an leibliche Existenz zu erhalten und die Men-schen zum stillen Gedenken zu bewegen.
Wer kann einen auf einem Friedhof in Stein gehauenen alten Spruch schon beantworten, vor den sich eines Tages jeder Mensch gestellt sehen wird?

„Was ist doch alle Welt Prachtt
Weill der Dott kommt über Nacht
und alle Ding zunichte macht?"

Auf der Südseite des Kirchhofs, im Schatten einer alten Esche, hat die Gemeinde das Solda-tenehrenmal errichten lassen. Im ersten Weltkrieg (1914-1918) kehrten von den 85 Feldzug-teilnehmern der Gemeinde Gronau 10 Männer nicht mehr in ihr Heimatdorf zurück. Noch weitaus schlimmere Wunden riß der zweite Weltkrieg (1939-1945) dem Ort: 31 Gefallene und Vermißte waren zu beklagen, wahrlich ein hoher Blutzoll für den kleinen Flecken von damals 534 Seelen.
Im Innenraum der Kirche, an der Südwand, finden wir die Gedächtnistafel vom Deutsch/Französichen Krieg 1870/71, bei dem von den 15 Soldaten des Ortes zwei ihr Leben lassen mußten.
Außerdem ist noch eine Erinnerungstafel von 1814 in der Kirche vorhanden, auf der die Namen der sechs „Vaterlandsbefreier von Napoleon":
Böckel, G. Meisinger, Schwind, Geibel, Falk und J.P. Meisinger aufgeführt sind. Alle kehrten Gott sei Dank wieder heim.
Alle toten Soldaten rufen uns Lebenden zu:
„Vergeßt uns nicht und haltet Frieden!"