Gronau - Hessen - Nassau
Geschichts - Schmiede Gronau

Der Kruzifixus

"

Zurück zur Hauptseite


  Der Kruzifixus über dem Altar

von Walter Heil

Dieser Beitrag erschien in der Festschrift 1200 Jahre Gronau der "Bad Vilbeler Heimatblätter" 1986.
Herr Walter Heil hat ihn freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

Tod und Auferstehung - das sind die beiden Kernpunkte der christlichen Gedankenwelt. Das Kreuz - Symbol des christlichen ErlösungserBemühungen haben nun folgendes ergeben:
Johann Wolfgang Fröhlicher, geboren 1652 in Solothurn/Schweiz, kam 1675 nach Frankfurt, nachdem er zuvor in Rom Bernini kennengelernt hatte und lebte bis kurz vor seinem Tod 1701 in der Stadt. Er hat sich einen großen Namen erworben und ist bestimmend für die mittelrheinische Barockplastik. Unter anderem schuf er für die Ka-tharinenkirche in Frankfurt einen großen Altar aus Marmor (er wurde im Krieg vernichtet), zwei Grabmale von Kurfürsten im Mainzer Dom tragen seinen Namen, einen Altar lieferte er nach IIbenstadt, außerdem geschnitzte Engel für das dortige Kloster. Im Fuldaer Dom finden wir ebenfalls Arbeiten von ihm und seiner Schule. Das größte Altarwerk von Fröhlicher aber steht in Trier, im Ostchor des Domes. Rastlos war dieser Mann tätig.

  Das Kruzifix aus dem Jahr 1684
 
Aber nun zu unserem Gronauer Kruzifix.
Zwei Kunsthistoriker aus Frankfurt und Mainz ordnen ihn als einen „Fröhlicher" ein.
Beide Kunstexperten sind sich aber darüber einig, daß die Arme nicht von Johann Wolfgang Fröhlichers Hand sein können, sie sind zu plump und stimmen nicht in den Proportionen.
Der gesamte andere Korpus dagegen zeugt von einer lebensvollen, anatomischen Durchgestaltung, alles ist in feinster künstlerischer Weise, wie sie Fröhlicher eigen war, herausgearbeitet. So müssen wir also annehmen, daß vor 100 oder vielleicht auch schon vor 200 Jahren die Arme, die irgendwie schadhaft oder zerstört waren, von einem anderen Künstler wieder ergänzt und angesetzt wurden. Dieser Kruzifixus stellt somit das älteste Kunstwerk - es ist bereits aus der vorhergehenden Kapelle übernommen worden - dar. Mit berechtigtem Stolz kann die evangelische Gemeinde auf dieses wertvolle Kreuz schauen, zumal der Frankfurter Bildhauer Johann Wolfgang Fröhlicher in letzter Zeit wieder in das Interesse der kunstgeschichtlichen Forschung gerückt ist.
 
Beschreibung: Der Lendenschurz wird einfach von einem um die Hüfte gewundenen Strick gehalten; das eine Ende flattert wie im Winde zur linken Seite. Es ist die bewegte Form, ein Kennzeichen des beginnenden Barockelementes. Der Korpus hängt lang herab, seine bewegte Umrißführung gipfelt im Haupt, das wallende Haar ist durch die Dornenkrone gehalten. Erlöst und ergeben ist das Antlitz in die Stille des Todes hinabgesunken. Alle Qual und Verlassenheit des Sterbenden liegt weit zurück; geblieben ist der stille Ausdruck der Überwindung des Todes. Eine Besonderheit zeigt hier der Holzschnitzer:
Die Hände sind wie zum Schwur ausgestreckt. Diese Aussage könnte aber auch als segnende Geste verstanden werden. Getreu bis in den Tod:
Nimm dein Kreuz auf dich und du wirst leben!

Die Künstler jener Zeit verfolgten mit der Passionskunst - der Wiedergabe des Gekreuzigten - den Zweck, durch Darstellung des Leides und Opfertodes Jesu Christi anhand der Erlösungstragödie des Beschauers Mitleid zu erregen, um so, die Seele läuternd, in ihre Tiefen einzudringen.
Mitten im Leben sind wir vom Tod umfangen, mit dem Kreuz im Tod sind wir im Leben.